Fühlen statt Fakten

Einige Leserbriefe im heutigen GEA haben mich nachdenklich gestimmt – wir Menschen sind doch bemerkenswerte Wesen. Obwohl vernunftbegabt, nutzen wir diese Begabung oftmals nicht. Sicher, manches Mal aus gutem Grund. In Kenntnis der eigenen Sterblichkeit wähnt jeder sich dennoch unsterblich. Diese „Unvernunft“ ist zweckdienlich, würden wir doch sonst in eine permanente Depression abgleiten. Wir verdrängen und genießen das Leben!

Unabwendbares gerät zu Recht aus unserem Fokus und im Normalfall fühlen wir uns sicher. Diese Sicherheit ist allerdings trügerisch, das Leben kennt genügend Beispiele. Barcelona 1999, neunzigste Minute: du bist Champion der Champions! Fünf Minuten später ist man der Loser aller Loser. Rainer Barzel, 1972 gefühlter Kanzler mit Antrittsrede in der Brusttasche. Der Läufer, der Meter vor dem Ziel austrudelnd die Arme hochwirft und so den Sieg verdaddelt – unverhofft kommt oft!

Immer wenn wir unserem Gefühl mehr vertrauen als unserem Verstand, verlassen wir festen Boden und begeben uns auf unsicheres Terrain. Vernunft ist unverzichtbar! Wenn jemand von uns Opfer und Verzicht verlangt, sind Fakten unerlässlich. Glauben, Gefühl und Hörensagen dürfen nicht Grundlage für Handeln sein, das mit schwerwiegenden Eingriffen unser soziales Miteinander verändert – schon gar nicht über Jahre hinweg und auf unabsehbare Zeit.

Karl Lauterbach beruft sich bei fehlenden Daten schon mal auf „Annekdotische Evidenzen“, womit er geschickt wissenschaftlich verbrämend, Handeln aufgrund unwissenschaftlichen Hörensagens umschreibt. Wer nach über zwei Jahren Pandemie als Handlungsgrundlage für Eingriffe in Grundrechte nur einen Bericht vorweist, der in etlichen Punkten achselzuckend „kann sein, kann sein aber auch nicht“ schlussfolgert, hat zumindest eines bewiesen: nämlich, dass er in und mit seinem Amt überfordert ist. Das ist menschlich verzeihlich, fachlich jedoch nicht.

Wir sollten immer hellhörig werden, wenn jemand unser uneingeschränktes Vertrauen einfordert und zurückhaltend darin, wem wir es leihen – leihen, nicht schenken! Geschenke bekommt man nämlich nicht mehr zurück.