Antworten auf Fragen der ACK Pfullingen

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Pfullingen (ACK) hatte den Bürgermeisterkandidaten Fragen gestellt – hier meine Antworten:

  1. Zuerst einmal sind wir als ACK natürlich neugierig, wie weit Sie sich persönlich einer Kirche verbunden fühlen?
    Ich wurde christlich erzogen. Als Mensch achte ich das Leben, nicht nur das menschliche. Ich verabscheue es, wenn Menschen andere Lebewesen misshandeln. Ich töte nicht – selbst ein Tier nur, wenn es leidet, aber ich akzeptiere (noch) den Tod eines artgerecht gehaltenen Tieres zu Nahrungszwecken. Ich achte fremdes Eigentum, vor allem Gemeineigentum. Ich versuche, andere nicht wissentlich zu verletzen. Darum sage ich nicht in jedem Fall die Wahrheit, in der Regel lüge ich aber nicht. Ich verzichte gerne, wenn ich anderen dadurch eine Freude machen oder helfen kann. Meine Haustüre ist offen für Gutgesinnte und Hilfsbedürftige. Ich nehme jeden Menschen als den an, als der er sich in seinem Verhalten gegenüber Schwächeren, Minderheiten oder Andersdenkenden offenbart.Als Bürgermeister fühle ich mich zur größtmöglichen Neutralität verpflichtet. Religion und Sexualität sind zutiefst persönliche Bereiche, in die ich niemandem hineinreden möchte. Aus diesem Grunde gebe ich keine Glaubens-Statements ab. In das religiöse Gemeindeleben werde ich mich als Bürgermeister verhalten einbringen, als Gast jedoch gerne an Veranstaltungen aller Glaubensgemeinschaften teilnehmen. In diesem Punkt kenne ich keine Berührungsängste.

    Prägend war für mich in jungen Jahren – hier zeigt sich, wie wichtig Kultur ist – das Erleben eines Theaterstücks: Nathan, der Weise. In diesem erzählt der Jude Nathan, vom Sultan Saladin nach einer Antwort zum einzig wahren Glauben gedrängt, das Gleichnis eines Vaters von drei Söhnen, die dieser alle gleichermaßen liebt. Vor seinem Tode soll er den Ring der Familie an den Sohn weitergeben, den er für den Würdigsten hält. Unfähig, einen zu wählen ohne gleichzeitig die anderen herabzusetzen, lässt er zwei weitere Ringe anfertigen, so dass nach seinem Tode niemand mehr festzustellen vermag, welcher der „Echte“ ist. In Gotthold Ephraim Lessings Stück stehen die drei Ringe für die drei großen monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam – die Entscheidung nach dem einzig wahren Glauben lässt er ausdrücklich unbeantwortet.

    Vielleicht verhält es sich mit dem Übersinnlichen so dramatisch wie bei Lessing, vielleicht ist es aber auch nur so prosaisch wie in Shakespeares Romeo und Julia: „Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.“ Für manche ist der Name des Weltenlenkers heilig und unaussprechlich, anderen beweist der Zustand der Welt im Ganzen und der der Menschheit im Besonderen nur seine Abwesenheit. Jedenfalls respektiere ich die Spiritualität aller Menschen in dem Maße, in dem jeder Gläubige umgekehrt die Werte unseres Staates anerkennt und zwar als ranghöher: Man gebe dem Kaiser, was des Kaisers ist – hier im übertragenen Sinne.

    Leider sieht sich unserer aufgeklärtes Land längst überwunden geglaubten, mittelalterlich anmutenden Auswüchsen ausgesetzt: in fanatischem Hass herabwürdigen Irrgläubige Andersdenkende, verletzen und töten sie sogar! Zu meinem tiefen Entsetzen muss ich feststellen, dass dies ausschließlich ein Phänomen von Menschen aus moslemisch geprägten Ländern ist, denen wir zudem Schutz vor Verfolgung und Gewalt gewährt haben. Diese tragen Konflikte in unser Land, denen wir schier nicht begegnen können und die sich letztlich in Fremdenhass niederschlagen. Darum müssen wir gegen jede Gewalt aufstehen und zeigen, dass wir eine friedliebende und offene Kultur mit humanistischen Zügen sind. Wir dürfen niemanden abschreiben, aber wir dürfen Grenzüberschreitungen auch nicht tolerieren.

    Dass aufgeklärte Menschen den Wandel zum Besseren schaffen können, sehe ich an mir selbst: ich wurde in einer homophoben Gesellschaft erzogen: es gab den § 175 und Schwulsein war ein Schimpfwort – ein herabwürdigender Vorwurf, dem man sich umgehend mit Fausthieben widersetzen musste. Ich empfinde im Nachhinein Scham gegenüber meinen Kameraden in der Schule oder im Freundeskreis, die sich aus diesem Grunde uns „Normalen“ nicht zu offenbaren wagten. Wenn ich sehe, wie selbstverständlich meine Kinder mit vormaligen Tabuthemen umgehen, bin ich um die Zukunft der Gesellschaft in diesem Punkt nicht mehr bange. Allerdings sehe ich andere Aufgaben, die schier unauflöslich scheinen: Die Aufteilung der Welt in Habenichtse und Wohlhabende, in Hunger und Überfluss. Kriege und Klimawandel sind die heutigen Menetekel an der Wand.

 

  1. Welchen Stellenwert haben aus Ihrer Sicht die christlichen Kirchen in Pfullingen?
    Sie stellen die größten religiösen Gemeinschaften dar und sind somit unbestreitbar ein wichtiger Bestandtteil des sozialen Lebens.

 

  1. Wie können Sie sich in Pfullingen eine Zusammenarbeit mit der ACK vorstellen?
    Siehe Punkt 4

 

  1. Was erwarten Sie von Kirchen und Religionsgemeinschaften, um das Beste für Pfullingen zu erreichen?
    Gut, dass Sie nicht danach fragten, was das Beste für die zwei Erstgenannten ist. Aber im Ernst: ich erwarte grundsätzlich nichts und kann darum auch nicht enttäuscht werden. Aber ich nehme dankbar jede (Veranstaltungs-) Idee der Kirchen auf, die das Gemeinwesen der Stadt fördert. Ich liebe es, wenn Menschen zusammenfinden. Kürzlich wurde ich gefragt, was ich unter „bunt“ verstehe. Für mich ist „bunt“ keine Definition von Farbmischungen sondern eine Beschreibung der Vielfalt der Menschen. In dem Maße, wie wir buntes Leben fördern, schaffen wir ein Klima der Integration und des nachbarschaftlichen Miteinanders. Insofern freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit Kirchen und Gläubigen. Es kann nur Gutes dabei herauskommen. Und wenn ich jetzt noch einmal zurückblicke auf den Einstieg in meine Antwort: eigentlich wäre es auch das Beste für die Kirchen und die Religionsgemeinschaften – sozusagen eine Win-Win-Situation. Tue Gutes und partizipiere daran.

 

  1. Gerne gestalten wir als ACK Pfullingen das Leben in unserer Stadt auf vielfältige Weise mit. Welche bestehenden Kooperationen zwischen Kirchen und Stadt/städtischen Einrichtungen kennen Sie bereits?
    Ich könnte jetzt googeln und glänzen. Aber ehrlich gesagt habe ich mich darum bislang nicht gekümmert. Asche auf mein Haupt.

 

  1. Wo tauchen in Ihren Zukunftsüberlegungen die Kirchen als Partner für Kindergarten, Jugendarbeit und Seniorenarbeit auf?
    Überall dort, wo der Staat – falls es übrigens manche vergessen haben: das sind wir alle – Hilfe braucht. Das wird in Zukunft eher mehr sein, als weniger, denn die Einnahmenkassen gähnen. Aber auch die Leere der Kirchen zeigt deutlich, wie wenig von unserem Gemeindeleben übrig geblieben ist. In dem Maße jedoch, wie christliche Kirchen als wahrnehmbare Kraft nach außen auftreten, werden sie wieder erstarken. Mein Ziel als Bürgermeister ist es, mich in den genannten Bereichen persönlich stärker einzubringen und den Brückenschlag von Jugend zu Senioren neu zu bilden und zu stärken. Ich erinnere mich gerne an meine Großeltern zurück und wünschte, ich hätte mehr Zeit mit ihnen gehabt. Daher möchte ich gerne erreichen, das jung und alt sich gegenseitig nicht entweder als Rowdies oder als Spaßverderber ansehen. Dabei nehme ich die Hilfen der Kirchengemeinden gerne an. Eine Zukunftsüberlegung ist, so hoffe ich, dass bald eine verbindliche gesetzliche Regelung für einen Sozialdienst für alle jungen Menschen geschaffen wird – ein Äquivalent zur früheren Wehrpflicht und zum Ersatzdienst. Diesem Dienst an unserem Staat sollte sich niemand entziehen dürfen. Die Kirchen könnten hierbei als Dienstherr (oder -frau) fungieren.

 

  1. Vor einigen Jahren wurde die Vereinsförderung in unserer Stadt neu aufgestellt. Die kirchliche Arbeit ist nicht erwähnt. Die Kirchen finanzieren ihre Arbeit ganz (Griech.- Orthodoxe Gemeinde, Evang.-methodistische und Neuapostolische Kirche) oder teilweise über Spenden.
    Wir sollten natürlich nicht die Privilegien der christlichen Staatskirchen wie Kirchensteuer und andere staatliche Entschädigungsleistungen vergessen. Auch können diese Kirchen können auf einen Verwaltungsapparat zurückgreifen, den Vereine nicht besitzen. Natürlich finanzieren Kirchen auch caritative Einrichtungen, entlasten somit auf vielen Gebieten den Fiskus. Darum verstehe ich, wenn für die gleichen oder vergleichbare Leistungen, welche die Kirchen für den Staat erledigen, Zuschüsse nachgefragt werden. Ich werde das im Gemeinderat vortragen.

 

  1. Welche Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung der kirchlichen Arbeit sehen Sie? Welche Unterstützung können die Kirchen konkret für Kindergartenarbeit, Veranstaltungen, Projekte wie z.B. den Stadtkirchentag erwarten
    Auch die Antwort auf diese Frage werde ich mit dem Gemeinderat und den Vertetern der Kirchen diskutieren und gemeinsam beschließen.

 

  1. Wie stehen Sie zu den Plänen, auf kirchliche Veranstaltungen Umsatzsteuer zu erheben?
    Ich gehe davon aus, dass Vereine vor demselben Dilemma stehen. Ein Jurist würde jetzt folgerichtig antworten: wenn Kirchen auf Gebieten wie der Vereinsförderung dieselbe Behandlung reklamieren, dann muss dies analog auch hier gelten. Im Übrigen ist die Änderung der Umsatzsteuerbefreiung ein Ausfluss des EU-Rechts – ein Pfullinger Bürgermeister ist damit raus aus der Nummer.

 

  1. Zu guter Letzt möchten wir Sie gerne fragen: Gibt es eine Lieblingsgeschichte oder eine Lieblingsstelle aus der Bibel für Sie?
    Die Bibel hat viele wunderbare Gleichnisse aus der jeder, gläubig oder nicht, lernen kann. Geschichten von der Überwindung des Eigennutzes, Beispiele der Toleranz, der bedingungslosen Liebe – so wie die Geschichte vom verlorenen Sohn. Berührend ist für mich auch die Kreuzigungsgeschichte: jemand gibt für seine Überzeugung sein Leben und kann dabei noch seinen Peinigern vergeben. Es sind es nicht einmal exemplarische Bibelstellen, die ich anführen möchte, sondern deren ethisch-moralische Auswirkung auf Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder die Geschwister Scholl. In unseren besten Momenten kommen wir dem nahe, wofür wir auf dieser Welt sind.