Hemd und Jacke

Betrachtungen zur Solidargemeinschaft –

„… der werfe den ersten Stein!“ – Der Redner hatte gerade geendet, da hebe ich dich Hand: „Hier, ich! Darf ich auch mehrere nehmen? Ich meine für den Fall, dass ich beim ersten Mal nicht treffe!“

In seinem Vortrag rechtfertigte der Politiker (nein, keine *in, Frauen bewerfe ich maximal mit Edelsteinen bis 0.5 Karat) die Corona-Maßnahmen als notwendig und alternativlos. Er sprach von der Solidargemeinschaft und den sozialen Pflichten, die Ungeimpfte gegenüber Geimpften hätten. Wenn 75 Prozent der Bürger sich impfen ließen, sei das Nicht-Impfen der restlichen 25 Prozent eben asozial, unsolidarisch. Er formulierte es verklausulierter, aber ich nenne die Dinge gerne bei ihrem richtigen Namen. Verschleiernde Euphemismen liegen mir nicht.

Ich denke, er meinte mit Solidargemeinschaft dieselben Leute, die gestern noch ein überfordertes, dafür unterbezahltes Pflepersonal beklatschten und dieses heute (immer noch unterbezahlt und überfordert) als ungeimpfte Gefährder pflegebedürftiger Menschen stigmatisieren. Vielleicht meinte er auch die großen Gesten von Solidarität, die meine Frau und ich erfahren durften, als man unsere Einnahmequellen zuschüttete, was uns an den Rand des wirtschaftlichen Ruins gebracht hatte. Alle Geschäfte zu, die ständigen Kosten allerdings liefen weiter: Geschäftsmieten, Leasingraten, alle möglichen Arten von Verbindlichkeiten, Versicherungen und so weiter. Abgesehen davon musste man auch noch von irgendwas leben. Geld vom Staat? Sicher doch: „Wenn Sie in 8 Wochen nichts von uns hören, dann fragen Sie in 12 Wochen nochmal nach!“

Wer hatte da gesagt: „Kommt Leute, ich kriege weiter meinen vollen Lohn, meine Renditen, meine Diäten – die Geschäfte laufen prima, wieviel braucht ihr? Nein, nein, nicht gestundet oder geliehen – geschenkt! Ein Dankeschön braucht’s nicht, ihr wart ja schließlich für uns alle solidarisch!“? – Sorry, den Satz habe ich nicht gehört, da war ich wohl gerade längere Zeit auf dem Klo, Toilettenpaier war mal wieder aus!

Wo war die vielbeschworene Solidarität der Deutschen, als man aus Mittelständlern Almosenempfänger gemacht hatte, während andere sich mit Impfstoffen, Masken und anderem goldene Nasen verdient haben? Die Stadt Mainz zum Beispiel kann ihr Glück kaum fassen, brauchen die doch jetzt für die Fantastillionen Mehreinnahmen aus BionTech-Impfseren (dieser Geldsegen geht zulasten aller Solidarbürger) jetzt neue Tresore. Auf der Bank müssten sie horrende Strafgebühren zahlen – da sind sie ganz Schwaben, die „Pälzer“. Erste Beratungsanfragen beim Spezialisten für übervolle Geldspeicher, Onkel Dagobert aus Entenhausen, laufen gerüchteweise schon. Bis dahin lautet die Devise (oder heißt das Devisen?): „Schnell weg mit der Kohle!“  Vielleicht schmeißen sie in Meenz beim nächsten Fastnachtsumzug nicht nur mit Kamellen – sie haben’s ja jetzt. Merke: Geld ist nie weg, es haben nur andere!

Solidarität, Anstand? Dass ich nicht lache – in Deutschland ist das Hemd immer näher als die Jacke! Einst hatte ich meinem Juraprofessor fassungslos gemacht, als ich ihm erklärte: „Eigentlich weiß jeder Mensch, was Anstand ist. Jeder darf ungestraft anständig sein. Juristen braucht man dann, wenn man ungestraft unanständig sein will.“ – Es gebe ja aber immer noch Richter, warf er ein, und die urteilten neutral. Meine Anwort ließ ihn erstarren: „Anstand ist etwas, was dem Menschen bleibt, wenn er die Robe auszieht. Es nicht etwas, das man mit einer Richterrobe anziehen kann.“

Ist lange her. Wieso kommt mir das gerade heute in den Sinn?